Feldzug

Draußen war es neblig. Der Himmel, Milch und Pulver auf Bäumen und Gras. Und ein kalter Wind im Wald. Im kalten Land, vor langer Zeit.
Gedanken werden manchmal fortgeblasen. Vielleicht gibt es jemanden, der sie aufsammelt.
Draußen in der Kälte, im Wald.
Der Boden war gefroren, der Atem, wie der des Drachen, nur kalt. Wie der Wind.
Das Feuer brannte schwach, als der eine den anderen erblickte. Er saß dort, starrte in die Flammen.
"Du" geschrien, mit Haß in seinen Rücken.
"Du wirst nicht so einfach gehen" er schleift das Schwert über den Boden.
Der andere weiß, wer dort spricht.
"Du siehst doch, daß ich es kann", und schaut weiter ins Feuer. Er sieht erschöpft und müde aus. Der andere kniet sich neben ihn, hält ihn an der Schulter fest, mit seiner blutigen Hand und reißt ihn herum. "Du wirst nicht gehen". Dieser ist müde und wütend.
"Laß mich." Er schüttelt ihn ab. Die Schuld drückt, die Wunde schmerzt. Keiner der beiden rührt sich. Sie blicken sich in die Augen, dann nimmt er seine Hand von der Schulter und setzt sich auf die andere Seite des Feuers.
<Er nimmt nicht viel mit>, flüstert sie ihm zu. <Will er ganz neu anfangen ?> Die Stimme, flüstert in sein Ohr, schon seit Tagen. Er betrachtet sein Gegenüber, in diesem alten, abgewetzten braunen Mantel.
"Ist das alles was du mitnimmst ? Hast du nicht mehr ?" Er deutet auf den Ranzen neben ihm, das kurze Schwert, den Jagdspeer. Er legt sei eigenes Schwert neben sich, zieht sich seinen, grauen Mantel enger um die Schultern. Das Blut auf seiner Hand ist schon trocken.
"Wohin willst du gehen ? Warum ?"
Der andere blickt auf. "Das kannst du dir ja wohl denken." Er macht eine Pause, sieht zu Boden, überlegt. "Glaubst du etwa ich mache das gerne ?"
>Was will denn der von dir ?< Diese Stimme. >Ist er dir deswegen gefolgt ? Macht er sich Sorgen um dich ?< Da ist sie wieder, kaum ein Hauch an seinem Ohr.
"Warum gehst du jetzt ?" Sie sehen sich fragend an.
"Ja hab ich mir das denn ausgesucht ?", ruft er zornig.
"Wovon willst du leben ?", fragt der andere besorgt.
<Dumme Frage. Er hat doch seinen Speer dabei. Tu nicht so, als ob du nicht wüßtest, daß er ein sehr guter Jäger ist.> Dieses Flüstern. < Du sprichst die Wahrheit Geist.>
<Er jagte immer besser als du.>
"Deswegen bist du mir also gefolgt", sagt der braune, mehr ins Feuer als zum anderen.
>Ja, der Dämon hat Recht. Er macht sich Sorgen um mich.<
"Du machst dir Sorgen um mich."
>Was glaubt der wer du bist ? Schließlich kannst du...<
>Ich kann gut auf mich selber aufpassen Dämon. Was will er von mir ?<
>Frag ihn doch. Frag ihn wo er war, in jener Nacht, wo du ihn brauchtest.<
"Ja", sagt der andere. "Ich machte mir Sorgen um dich. Nicht weil ich fürchtete, daß du verhungerst. Du warst immer der bessere Jäger von uns beiden." Er spricht vorwurfsvoll. "Du warst mein Bruder, ich habe dir vertraut."
Der braune legt Holz nach. "Du sagst so etwas ?" Er ist erstaunt. "Wo bist du denn gewesen als ich einen Bruder gebraucht habe? Jemand sagte mal, daß Vertrauen auf Gegenseitigkeit beruht."
"Ich habe dir immer Vertraut." Er schaut betrübt ins Feuer.
<Ja, wie damals. Erinnerst du dich ? Er hat dich schon einmal im Stich gelassen.>
<Ja, wie damals.>
<Und nun geht er fort.>
"Denkst du daß es besser wird wenn du jetzt einfach fortgehst ?"
>Ja, das ist die einzige Lösung. Ein neuer Weg, ein neuer Anfang.<
"Das ist die einzige Lösung für mich, für alle. Hierzubleiben, nach alldem, unmöglich."
<Es ist doch seine Schuld. Er hätte auf dich hören sollen !>
"Es ist doch deine Schuld. Du hast nicht auf mich gehört !"
>Was redet dieser Kerl da. Er schimpft sich dein Bruder, doch wo war dein Freund in dieser
Nacht ?
<
"Meine Schuld ?" Er ist entsetzt. "Du hättest mir helfen können. Wo warst du denn ?"
<Es war falsch, du konntest ihm nicht helfen.>
"Es war falsch das zu tun. Ich habe versucht es dir zu sagen."
<Er wollte ja nicht auf dich hören.>
<Nein Geist. Ich habe es versucht.>
>Dauernd versucht er dich davon zu überzeugen, daß sein Weg der richtige ist. Das hat er doch schon einmal versucht.<
>Ja, ich weiß.<
Der braune spricht nun langsam, flüsternd. "Aber es ändert nichts daran." Zögernd fängt es an zu schneien. "Ich dachte wir wären Freunde."
"Und genau aus diesem Grund hättest du es nicht tun dürfen."
"Doch genau aus diesem Grund habe ich es getan. Früher oder später hätte es jemand tun müssen."
"Warum denn nicht später, warum nicht jemand anders ?"
"Es ist getan, nun muß ich gehen."
<Und nun läuft er davon, dieser...>
"Feigling." Er springt auf. "Du elender Feigling. Läufst einfach davon."
Eine Träne fällt in den Schnee.
>Der wagt es dich Feigling zu nennen ? Dieser Hund. Wo ist er denn gewesen ?<
Der andere steht langsam auf. Einen fragenden Ausdruck im Gesicht.
"Du wagst es mich Feigling zu nennen ? Du hast mich doch im Stich gelassen."
"Du warst nicht im Recht."
"Recht oder Unrecht", brüllt er ihn an. "Ich habe es für uns alle getan. Für dich, für mich, für das Dorf."
<Was nimmt der sich heraus, die ganze Welt retten zu wollen.> Das Geflüster des Geistes klingt zornig.
"Niemand hat dich um deine Hilfe gebeten."
>Der ist es doch nicht wert, daß man mit ihm streitet< Der Dämon spricht zornig.
"Langsam glaube ich das auch. Ich hätte viel früher gehen sollen. Euch versinken lassen in eurer Engstirnigkeit." Er bückt sich nach seinen Sachen, tritt einen Haufen Schnee in die Flammen.
Es zischt und dampft. Als er an dem grauen vorbeigeht, hält dieser ihn fest.
"Wohin willst du jetzt gehen ?"
Leise spricht der andere dann.
"Den Schatten meiner Seele suchend muß ich ziehn." Er schüttelt ihn ab und schreit. "Ich weiß nicht was mich drängt." Er dreht sich um, spricht wieder leise.
"Dort ist eine Leere." Er zeigt auf seinen Kopf. "So viele Ansätze, so viele Ideen aber in der Durchführung versage ich." Traurig schaut er zu Boden.
>Es war die Schuld der anderen.<
>Ich weiß nicht.<
>Doch du weißt es. Ich weiß es schließlich auch. Bin ich nicht dein Dämon ? Teile ich nicht dein Leben und auch deine Gedanken ? Ich bin immer dagewesen.<
"Auch als die Schwärze und das Chaos kam." Er schaut dem anderen in die Augen.
"Ich bekam Angst, große Angst. Du kannst nicht verstehen, wie groß meine Furcht war."
"Vielleicht will ich das gar nicht."
<Du hast versucht ihm zu helfen. Mehrere male bist du zu ihm gegangen. Wolltest ihm seine Angst nehmen.>
<Es war meine Schuld.>
<Nein, war es nicht. Du hast getan was du konntest. Ich weiß es. Bin ich nicht dein Geist ? Teile ich nicht dein Leben und auch deine Gedanken ? Ich bin immer dagewesen.>
"Ich wollte, ich habe versucht dich zu verstehen. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger verstand ich."
Der andere schultert seinen Ranzen, bindet sein Schwert, greift den Speer fester. Er spricht direkt und ohne Kritik. "Nein, warum solltest du. Du bist zufrieden mit deinem Leben. Deine Träume haben sich erfüllt. Doch meine waren dabei zu sterben, wurden aufgesogen von der schwarzen Leere." Sein Blick wird traurig. "Ich mußte etwas tun."
Der andere ist entsetzt. "Hast du dabei nicht an uns gedacht ?"
"Willst du meine ehrliche Meinung hören ?" Er brüllt. "Ihr seit mir alle Scheißegal. Es ist mein Leben. Ich tat es für mich, nur für mich. Ich hätte euch alle Sterben lassen sollen. Meine Seele hat gelitten." Dann wieder normal. "Noch immer ist sie unvollständig."
Eine Zeitlang herrscht schweigen. "Deshalb muß ich gehen. Das ist der Weg, das ist mein Ziel."
<Nein, er darf nicht gehen. Er ist schuldig, er hat euch verraten. Du weißt, daß ich die Wahrheit sage.>
"Nein, ich lasse dich nicht ziehn." Der andere schreit nun. "Du hast deine Heimat verraten, noch schlimmer, du hast mich im Stich gelassen."
>Du ihn im Stich gelassen ? Er ist doch nicht gekommen um dir zu helfen. Wer muß die Last nun alleine tragen ? Er hat kein Recht dies zu sagen ! Du weißt, daß ich die Wahrheit sage.<
Der andere wird wütend. "Du hast kein Recht dies zu sagen. Du hast mich doch allein gelassen." Er brüllt ihn an. "Wo warst du denn als ich dich gebraucht habe ?" Er dreht sich um, will gehen.
<Nein, halte ihn auf, laß ihn nicht fort.>
Nein." Er versucht ihn festzuhalten, reißt ihn herum.

>Laß dich nicht aufhalten.<
"Laß mich." Er schlägt den Arm des anderen weg. Doch der hält ihn nun mit beiden Händen fest. Er versucht sich zu befreien.
"Nein." Der andere will ihn zu Boden ziehen. Er hat seinen Speer schon längst verloren. Beide fallen. Sie wälzen sich im Schnee, einer auf dem anderen.
Du wirst bleiben." Schreit er ihm ins Gesicht. Da schlägt der andere ihm die Faust in den Magen. Er stöhnt. Der andere wirft ihn ab, kommt über ihn. "Du wirst mich gehen lassen."
Schlägt ihm erneut in den Magen, versucht aufzustehen, dreht sich weg.
<Halte ihn auf, laß ihn nicht entkommen. Er war dein Freund, jetzt hat er dich geschlagen. Er ist der Feigling der davonrennt.>
"Bastard." Er kommt hoch, wirft sich von hinten auf ihn. Sie stürzen erneut zu Boden. Er drückt ihm das Gesicht in den Schnee. Sein Gesicht ist eine verzerrte Fratze.
"Du wirst bleiben."
Er packt seine Haare, rammt seinen Kopf auf den Boden, dreimal, viermal, besessen.
>Er war dein Freund, jetzt will er dich umbringen.<
Er kommt nicht frei.
"Du..."
Seine Hände tasten den Boden ab.
"...bleibst..."
Ein Stein.
"...hier."
Der andere sitzt auf seinem Rücken. Seine Nase blutet, seine Stirn. Der Kopf schmerzt.
<Dreh ihn um, dreh ihn um.> Da dreht der andere ihn um.
Er schlägt zu, mit dem Stein, trifft seinen Kopf. Ein dumpfer Klang. Er schlägt noch einmal zu. Blut spritzt ihm in sein Gesicht. Der andere stöhnt. Blut läuft ihm ins Auge.
<Dein Messer, dein Messer.>
Er schafft es den nächsten Schlag abzuwehren. Mit seiner freien Hand tastet er nach seinem Messer. Der andere sieht was er vor hat, holt aus und schlägt kräftig zu.
Erst als der andere zu Boden fällt und Blut und Gehirn den Schnee färben, merkt er, daß er doch etwas zu langsam war. Im Fallen hat er zugestochen. Das Messer fuhr dem anderen unter den Rippen in den Körper.
Die Knochen, die in seinen Schädel getrieben wurden, die Schmerzen, sind fast nebensächlich. Genauso wie das Messer, das den Magen zerschnitten und die Lunge geöffnet hat. Beide hören ein Kichern in ihrem Kopf, welches immer leiser wird und sich schließlich vereint, als sie ihr Leben verlieren.
<Du Narr.>
>Du Narr.<
"Du Narr!"
Ein Schatten jagt durch den Wald. Es schneit stärker, bedeckt die zwei Toten und das Dorf in der Ferne, Das Feuer geht aus, wie die Feuer im Dorf. Dort lebt niemand mehr, der sich um sie kümmern kann. Das Monster zieht weiter. Schon wieder hat jemand sein Wort nicht gehalten.


Ja ja, es ist was schwerer zu verstehen. Die Erleuchtung kommt beim mehrmals lesen.
Zur vereinfachung mal die 4 Akteure :

Der fliehende im braunen Mantel
>seine Gedanken<
>Stimme eines Dämons<

Der verfolgende im grauen Mantel
<seine Gedanken>
<Stimme eines Geistes>